Es werde Licht

Neue Presse,     Di. 24. Dez. 2019,     Kultur,     Seite 24

 

Es werde Licht                                                                                         Von Dieter Ungelenk

 

Karol J. Hurec verbindet Kunst mit Kosmologie. Sein big bang spirit" erzählt mit Licht und Materie vom Anfang und Ende des Universums.  Das Nichts habe ich zum ersten Mal 1983 gemalt”, erzählt Karol J.Hurec. Wie, bitte, malt man das Nichts? Und warum? Das Wie schimmerte seinerzeit rein weiß auf verblichenem Weiß. Und das Warum war der ewigen Suche nach den Ursprüngen des Seins geschuldet, die Wissenschaften und Religionen hervorgebracht hat - und eben auch die Kunst. Hinter die Dinge zu schauen, den Welträtseln nachzuspüren und verborgene Kräfte sinnlich wahrnehmbar zu machen, treibt seit jeher Künstlerinnen und Künstler an. Auch Karol J. Hurec, in dessen Stockheimer Atelier sich das ganze Universum bündelt: ”big bang spirit” heißt (...) sein LED-Art Projekt, für welches er seit einigen Jahren neben Farbe, Holz, Leinwand, Schnur und Metall auch einen nicht fassbaren Werkstoff nutzt: das Licht. Neugierig und experimentierfreudig war der gebürtige Münchner schon immer, und von Anfang an ging es ihm um Inhalte: Kunst muss Denkanstöße geben. Sonst ist sie nur dekorativ”. So sah er das schon im studentenbewegten Jahr 1969, als er an die Kunstakademie ging und nebenher Philosophie studierte. (...) er schürfte (...) tiefer, nicht nur im übertragenen Sinne, trieb Schnitte und Ritzen in Spanplatten, hinterließ gespuren und Wunden, die er mit Fäden vernähte oder klammerte. Seine Bilder, Objekte und Installationen waren teils gesellschaftskritische Statements - gegen Militarismus, Ausbeutung, Atomwirtschaft -, wiesen aber auch oft über den Moment hinaus. Das durchschimmernde oder nur zu erahnende Dahinter beschäftigt Hurec mehr denn je - und mittlerweile dringt und drängt es aus seinen Bildern heraus, in Gestalt von leuchtenden und pulsierenden Punkten, Punktwolken und feinen Linien.(...) Nach ihrer Premiere bei Kronach leuchtet waren seine effektvollen Licht-Linien-Arbeiten 2018 im Kunstverein zu sehen, und sie gedeihen weiter. Zwischen dem Nichts, das Hurec vor 36 Jahren mit weißer Farbe auf ein weißes Blatt malte, und dem Alles, das er in quadratische LED-Objekte chiffriert, liegt nicht einmal ein Wimpernschlag: „1/1000 Sek. vor der Entstehung von Zeit und Raum lautet der paradoxe Titel der ersten Arbeit aus der big bang"- Serie, die nicht mehr und nicht weniger als den Ursprung des Universums und der Endlichkeit fokussiert - den Urknall: Ein winziger Punkt,aus dem gleißendes Licht strahlt, das alles erhellt und zugleich seine Herkunft verbirgt: Licht blendet. Wir sehen und sehen nicht den Lichtpunkt als klaren Punkt. Er verschwimmt, wir ahnen, erläutert der Künstler.Naturwissenschaft und Spiritualität, Quantenphysik und Taoismusverbinden sich in seinen Arbeiten, die er als Anschauungsmodelle versteht. Sie erzählen in klarer, reduzierte Formensprache von Werden und Vergehen, von Fülle und Leere, von Erkenntnis und Geheimnis: Der Bewahrung des Erschaffenen im Raumfolgt Die Auflösung des Universums”, „Die Verhüllung des Wesens der Gottheit" und letztlich die Gewährung des wahren Wissens. Aber auch Missbrauch des wahren Wissens bringt Hurec auf den Lichtpunkt.

Dabei setzt er auf ästhetischen Minimalismus: Auf monochromen weißen bzw. schwarzen Flächen von 80 Zentimetern Seitenlänge („den Kreis fand ich zu kitschig, so Hurec) sst er Licht und Materie interagieren, die sich über Lichtpunkten kreuzenden Schnüre erzeugen Schattenbilder. Das funktioniert auch ohne Verdunkelung der Räume: Selbst bei natürlicher Helligkeit werden Zeichen, Farbe und immaterielle Lichtfarbe zum inspirierenden Erlebnis. Das kann der Betrachter per Fernbedienung mitgestalten durch Veränderung der Lichtfarbe und -intensität. Nicht ganz so einfach lässt sich die Variable Standort ändern- aber auch das reizt Hurec: „Was passiert, wenn ich die Objekte von der weißen Wand nehme?“. Im Pferdestall hängen schon zwei Arbeiten, im Frühjahr möchte der neugierige Künstler den Urknall auch an andere Ort bringen, vielleicht in den Wald gleich hinter dem heimischen Katharinenhof. Was sie dort bewirken, liegt natürlich ganz im Ermessen des Betrachters: „Ein Kunstwerk allein macht gar nichts. Erst wenn man darüber redet”